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Kategorie: Bücher
Besonderes

Verstörungstheorien

01.05.2017

Autismus ist eine unsichtbare Behinderung, über die bis heute zahlreiche Vorurteile bestehen und großes Unwissen herrscht. Besonders in den Medien wird der Begriff oftmals als plattes Stilmittel für negatives Verhalten fehlverwendet, jedoch nicht hinterfragt oder gar verstanden.

Autisten nehmen ihre Umwelt anders wahr: Kommunikation ist ein Minenfeld, soziale Interaktionen sind oft unlogisch, und Sinneseindrücke wirken wie ungefiltert auf das Gehirn einprasselnde Geschosse. Besonders bei Mädchen und Frauen wird die korrekte Diagnose erst spät gestellt, weil die Symptome mit Schüchternheit, Verschlossenheit und ähnlichen Charakterzügen verwechselt werden.


Die Autorin

Marlies Hübner, 1984 geboren, ist Autistin und erzählt in dem Buch ihre ganz persönliche Geschichte. Auf ihrer Seite bloggt sie regelmäßig unter anderem über ihr Leben und den Versuch, ihren Platz in der Welt zu finden.

Wie bei vielen Kindern der 80er und 90er wurde auch bei ihr der Autismus im Kindesalter nicht erkannt und sie lebte bis zur Diagnose im Alter von 23 Jahren in der Annahme, sie würde einfach nicht in diese Welt passen.

Da das Thema Asperger-Autismus sehr umfassend ist und bei jedem Betroffenen in unterschiedlichen Ausprägungen auftritt, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter auf diese „Behinderung“ eingehen, als dies der vorstehende Klappentext bereits für mich übernimmt. Umfassende Informationen zum Thema lassen sich mit jeder beliebigen Suchmaschine in Sekundenschnelle recherchieren.


Das Buch

Die Autorin erzählt ihre eigene Geschichte: vom Anderssein, vom Scheitern, von Konflikten und wie es letztendlich zur Autismus-Diagnose kam.

In kurzen, abgeschlossenen Kapiteln erhält man Einblicke in verschiedene Phasen ihres Lebens, vom Kindergarten über die Zeit der Diagnosestellung bis hin zur Gegenwart. Jedes Kapitel wird mit einer Angabe zum Alter der Autorin zum jeweiligen Zeitpunkt sowie einer lediglich ein Wort umfassenden Überschrift begonnen. Der Leser bekommt dadurch sehr präzise vermittelt, mit welcher Phase ihres Lebens sich dieses Kapitel auseinandersetzen wird und warum diese für sie besonders prägend war.

Sobald ich lesen lernte, bat ich meine Mutter beinahe wöchentlich um neue Kinderromane. Ich las sie sehr aufmerksam und merkte mir genau, wie sich die Protagonisten in den Geschichten verhielten, was sie sagten und wie sie auf Probleme reagierten. Ich lernte ihre Dialoge auswendig, ihre Floskeln. Merkte mir, wann sie lachten und wann sie traurig waren. Und imitierte es.

Besonders hervorzuheben sind die teilweise außergewöhnliche Wortwahl und der komplexe Satzbau. Zwar lässt sich der Text sehr angenehm lesen, aber im Vergleich zu anderer Gegenwartsliteratur sticht dieses Merkmal doch durchaus etwas heraus.

Es sei an dieser Stelle noch hervorzuheben, dass die Autorin auch vor der Schilderung sehr persönliche Themengebiete wie Sexualität und Ängsten nicht zurückgeschreckt hat. Sie erzeugt damit das umfassendste und ehrlichste Portrait einer Asperger-Autistin, das mir bekannt ist. Viele andere Bücher zu dem Thema sind lediglich über Autisten geschrieben, aber in den seltensten Fällen tatsächlich auch von Autisten.


Das Fazit

Als persönlich Betroffene habe ich vielleicht einen etwas anderen Blick auf das Thema Asperger-Autismus, als dies bei einem Großteil der Bevölkerung der Fall sein mag. Ich habe mir dieses Buch gekauft und zu erfahren, wie andere mit ihrer Besonderheit zurechtkommen und wo in der Welt sie ihren Platz gefunden haben.

Es hat mich sehr überrascht, wie viele Parallelen es zwischen dem Leben der Autorin und meinen persönlichen Erfahrungen gibt, gerade in Hinblick auf die problematische Interaktion mit der Gesellschaft. Was ich besonders schätze ist die Tatsache, dass sie sehr ehrlich und direkt schildert, was ihr widerfahren ist, auch wenn es teilweise um heikle Themen und sehr persönliche Situationen geht.

Ich kann dieses Buch jedem ans Herz legen, der sich für das Thema Autismus interessiert, aber auch Lesern, die Autismus für eine „Modekrankheit“ halten möchte ich dieses Buch wärmstens empfehlen. Vielleicht hilft es dem einen oder anderen "Neurotypischen", einen neuen Blickwinkel einzunehmen und so weitere Erkenntnisse – und damit einhergehend mehr Verständnis – zu erlangen.


Verstörungstheorien - Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne
Autor: Marlies Hübner
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf (März 2016)
Umfang: 264 Seiten
Sprache: Deutsch
Format: Taschenbuch