Science Fiction, Fantasy & Besonderes
Kategorie: Bücher
Besonderes

Monsieur Optimist

01.05.2017

Sein Vater war ein veritabler Don Quichotte:

Das entdeckt Alain Berenboom voller Überraschung, als er sich daran macht, die Papiere und Briefe seiner Eltern zu ordnen.

In den Zwanzigerjahren aus dem polnischen Maków nach Lüttich gekommen, um hier Pharmazie zu studieren, will Chaїm Berenbaum vor allem eines: ein waschechter Belgier werden.
Er dreht Wunderpillen, mixt Schönheitstinkturen und plaudert nächtelang mit seinem besten Freund über deutsche Literatur und Philosophie, als um ihn herum das alte Europa längst in Stücke geht.

Chaїm und Rebecca, seine schöne junge Frau, überleben, indem sie den belgischten aller Namen annehmen, Janssens & Janssens…


Der Autor

Alain Berenboom ist Anwalt und Professor für Urheberrecht an der Universität Brüssel. In seiner Laufbahn hat er bereits den belgischen König vor Gericht vertreten und wurde außerdem mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet.


Das Buch

Der Leser erfährt nicht nur, welchen Weg das Leben von Chaїm Berenbaum genommen hat, nachdem er sein kleines, polnisches Heimatdorf verlassen hat, sondern auch, wie die Stimmung in Europa schwankte und plötzlich kippte und wie die verschiedenen Familienmitglieder - verteilt in ganz Europa - diese Entwicklungen erleben.

Mit ein wenig historischem Hintergrundwissen sind die Briefe der Figuren und die beschriebenen Ereignisse problemlos in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen, daher waren für mich die Reaktionen und Handlungen der Familienmitglieder sowie deren Einschätzung der politischen und gesellschaftlichen Lage in Europa teilweise um so überraschender.

Genau dieser Umstand macht die Aufzeichnungen der Familie meiner Meinung nach besonders interessant und wichtig - insbesondere vor dem Hintergrund der momentan an Zuspruch gewinnenden rechten Strömungen.

Und so erwachen mit Lektüre der Briefe die Straßen, die Häuser, die Geschäfte, vor allem jedoch das Leben der Bewohner des Vorkriegs-Maków zu neuem Leben. Ein ganzes Schattentheater entsteht da. Der Vorhang geht auf und dann Magie, die reine Magie... Warum bloß habe ich sie nicht schon früher übersetzen lassen?


Das Fazit

"Monsieur Optimist" ist schon aufgrund des doch recht bedrückenden Themas keine leichte Urlaubslektüre. Der Autor schafft es dennoch, die Geschichte seiner Familie charmant und stellenweise sogar humorvoll zu verpacken. Ich hatte eine düster-tragische Erzählung von Krieg, Flucht, Angst und Vertreibung im Stil von "Anne Frank" erwartet und wurde von der doch erstaunlich positiven Herangehensweise ein wenig überrascht. Das Buch lässt sich daher angenehm lesen, ohne all zu sehr auf's Gemüt zu schlagen.

Zeitweise habe ich mich kurz gefragt, wie die ein oder andere Figur die Lage so "falsch" einschätzen kann. Diese Momente haben mich noch einmal besonders daran erinnert, dass wir heute den Luxus der unabhängigen Berichterstattung und globalen Informationsbeschaffung (fast) in Echtzeit haben und wie kostbar - und schützenswert - diese Errungenschaften sind.

Alain Beerenbooms hat die Zeitzeugnisse seiner Familie meiner Meinung nach sehr gut aufbereitet und präsentiert daher dem Leser ein vielseitiges und historisch korrektes Bild der Ereignisse und Entwicklungen im Europa der Nazi-Zeit, das sich zudem auch noch gut lesen lässt. Trotzdem fiel es mir hin und wieder schwer, das Buch nicht zur Seite zu legen, da es sich stellenweise ein wenig zieht.

Ich kann das Buch zwar nicht als Unterhaltungslektüre empfehlen, wer sich jedoch dafür interessiert, wie die damaligen Entwicklungen von der Bevölkerung wahrgenommen und schön geredet wurden, dem möchte ich dieses Buch - insbesondere unter Berücksichtigung der momentanen Entwicklungen - nahelegen.


Monsieur Optimist
Autor: Alain Berenboom
Verlag: Graf Verlag (März 2016)
Umfang: 288 Seiten
Sprache: Deutsch
Format: Gebundene Ausgabe