Science Fiction, Fantasy & Besonderes
Kategorie: Bücher
Fantasy & Comics

Der Kinderdieb

17.05.2017

Leise wie ein Schatten streift ein Junge durch die Straßen von New York. Er nennt sich Peter und ist auf der Suche nach Kindern und Teenagern, die dringend Hilfe brauchen. Peter rettet sie – und bietet ihnen an, sie in sein magisches Reich zu führen, in dem niemand je erwachsen werden muss.

Doch er verrät ihnen nicht, dass dieses Land im Sterben liegt und dort nicht nur magische Geschöpfe und das Abenteuer ihres Lebens auf sie warten, sondern auch größte Gefahr …


Der Autor

Da der Vater des Autors als amerikanischer Armee-Pilot oft im Ausland eingesetzt war, wuchs Gerald Brom unter anderem in Deutschland und Japan auf. Aus dieser Zeit stammt auch seine Angewohnheit, seine Werke grundsätzlich nur mit seinem Nachnamen zu unterzeichnen.

Brom, geboren 1965, ist bereits seit den 80er Jahren als Illustrator für bekannte Unternehmen wie Coca Cola, IBM, Blizzard oder Dungeons & Dragons tätigt. Er illustrierte außerdem zahlreiche Karten für Magic: The Gathering und kann daher auf einen äußerst umfassenden Erfahrungsschatz im Fantasy-Bereich zurückgreifen.


Das Buch

"Der Kinderdieb" basiert auf der allseits bekannten Geschichte Peter Pan. Im Gegensatz zur der durch Disney-Verfilmungen geprägten "Friede-Freude-Eierkuchen"-Handlung, bietet diese an Erwachsene gerichtete Version wesentlich mehr Tiefgang und Blut.

Eine der Hauptfiguren ist natürlich Peter Pan, der in der realen Welt verlorene Kinder für seine "Familie" in der anderen Welt sucht. Im Gegensatz zur Disney-Variante heißt diese andere Welt hier jedoch Avalon und nicht Neverland, was bereits eine gewisse Prägung durch nordische Mythen und Sagen vermuten lässt.

Die zweite Hauptfigur ist Nick, ein Junge aus New York. Erst kürzlich ist er mit seiner Mutter nach Big Apple gezogen, damit diese sich um die erkrankte Großmutter kümmern kann. Nick findet keinen richtigen Anschluss bei den Gleichaltrigen und macht dafür den vermeintlichen Geiz seiner Mutter verantwortlich, die sich weigert, ihm teure Vans zu kaufen, sodass er stattdessen mit billigen Chuck-Imitaten herumlaufen muss. Um ein wenig Geld dazu zu verdienen haben Mutter und Großmutter einige Zimmer im Haus an fremde Jugendliche untervermietet, die sich als skrupelose Brutalos erweisen und ihr Geld mit Drogengeschäften verdienen.

Neben der Haupthandlung in Avalon erzählt Peter in Form von Flashbacks immer wieder in kurzen Episoden, wie er zum "ewigen Jungen" wurde, welche düsteren Schicksalsschläge ihn zu dem formten, was er heute ist und warum er Kinder aus der realen Welt zu sich holt.
Hier muss sich der Leser immer wieder fragen, ob er nun Sympathie oder Abneigung für den Jungen empfinden möchte. Die Entscheidung wird einem nicht leicht gemacht.

Da der Autor eigentlich Illustrator ist, finden sich im Buch natürlich auch diverse Zeichnungen zu den verschiedenen Charakteren, sodass sich der Leser ein sehr genaues Bild von den Figuren machen kann. Ich finde sowas immer sehr spannend, da man sein eigenes, beim Lesen entstandene Bild mit dem abgleichen kann, was der Autor sich ursprünglich vorgestellt hat.

Aber die Magie tut mehr, als nur die Lebensspanne der Fleischfresser zu verlängern. Weil Avalon verzaubert ist, können ausschließlich Wesen magischer Natur hier in Eintracht leben. Ihr als Kinder seid voller Magie, die Erwachsenen dagegen haben sich abgewandt, sie haben ihre Magie an die Angst und den Hass verloren, die sie für alles hegen, was sie nicht erklären, kontrollieren oder verstehen können. So verdreht die Magie sie und schwärzt ihre Haut. Ihnen wachsen Klauen und Hörner, und sie verwandeln sich in die Dämonen, die sie in Wirklichkeit ohnehin schon sind.

Broms Avalon ist eine Welt voller Gefahren, Gewalt, Intrigen und Herausforderungen, sodass sein Buch ein wenig an das allseits bekannte Werk "Lord of the Flies" erinnert.

Er schildert Gewalttaten und Verbrechen zum Teil äußerst bildhaft. Das Werk ist daher zwar definitiv nicht für Kinder geeignet, baut aber eine fesselnde Spannung auf, die es schwer macht, das Buch überhaupt aus der Hand zu legen.
Wie bereits angedeutet, sind die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht immer klar definiert, sodass man sich als Leser nie vollständig sicher sein kann, für wen man denn nun Partei ergreifen sollte.

Die Charaktere sind allesamt detailliert und liebevoll ausgearbeitet, müssen innere Konflikte ausfechten, Kritik einstecken, Selbstreflexion üben und entwickeln sich im Laufe der Handlung stetig weiter.


Das Fazit

Ich bin mit der Erwartung an das Buch heran gegangen, dass es sich nur um einen weiteren seichten Peter-Pan-Abklatsch ohne Tiefgang handelt und wurde dementsprechend positiv überrascht:

Das Buch ist nicht nur sehr gut geschrieben und fesselt mit seiner straffen Handlung bereits ab der ersten Seite, sondern rückt auch immer wieder althergebrachte Konflikte in den Vordergrund. Auch auf eine gewisse Gesellschaftskritik wird nicht verzichtet.


Der Kinderdieb
Autor: Gerald Brom
Verlag: Knaur TB (Oktober 2011)
Umfang: 664 Seiten
Sprache: Deutsch
Format: Taschenbuch
Auch als Hörbuch verfügbar!